Ahimsa - Gewaltlosigkeit

9. Jan 2018 | Claudia Eva Reinig | Yogainspiration

Meinen ersten kleinen Blog schreibe ich aus Indien, da ist es naheliegend, etwas für Indien sehr wichtiges und auch für uns im Yoga sehr wertvolles wie "Ahimsa" zu beschreiben. Ahimsa ist eines der wesentlichen Prinzipien aus der Schatzkiste des Yoga und steht gleich zu Beginn bei den Yamas des achtfachen Pfades von Patanjali. Dies zeigt seine Wichtigkeit im Yoga und auch sonst ist Ahimsa wert, in unserem Leben Einzug zu erhalten. Ahimsa wird mit Nicht-Schaden, mit Nicht-Verletzen, eben mit Gewaltlosigkeit übersetzt und meint das Nicht-Verletzen in Tat, Wort und auch Gedanke. Dies ist ein wertvoller und wichtiger Kodex im Yoga und eine der fünf ethischen Leitlinien der ersten Stufe des Raja Yoga. Nun ja, oft übersieht oder überliest man in den Büchern gerne gerade die philosophischen Ideen und damit auch die damit verbundenen Prinzipien und Verhaltensrichtlinien. 

In wie weit kann oder will dieser hohe Anspruch der Gewaltlosigkeit überhaupt von jedem Einzelnen umgesetzt werden? Die Ebenen sind facettenreich, viele Bereiche bzgl. der ethischen Verhaltensweise, sei es im Alltag oder auch auf globaler Ebene werden hier sicherlich berührt. Wenn ich an Ahimsa denke, denke ich an das, was mir sehr nahe ist, wie zB die Tierwelt. Wenn wir uns den Umgang des Menschen mit den Tieren, speziell auch den sogenannten "Nutztieren" anschauen, müsste ein fundamentaler Wandel im Umgang mit diesen geschehen, wenn der Mensch gewaltlosem Handeln Genüge leisten möchte.

Als ich mit Yoga begann war ich schon lange Veganerin und dachte, jeder der Yoga macht liebt automatisch auch Tiere und isst sie nicht. Ich gebe zu, eine naive Überlegung. Jetzt ist es einfacher, als Veganer(in) durch das Leben zu gehen. Fast in jedem Einkaufsregal findest du etwas veganes, auch gibt es genügend Infos und Bücher hierzu. Vor mehr als 20 Jahren war dies nicht so einfach und wir Veganer galten als merkwürdig und als ein bisschen verrückt. Wir selbst sahen uns als tierliebende und idealistische Pioniere! Auch kann ich heute besser verstehen, wenn jemand aus gesundheitlichen Überlegungen glaubt, es sei besser, Fleisch zu essen. Das ist ja irgendwie dann auch wieder Ahimsa - sich selbst gegenüber - ausser vielleicht, man nutzt die gesundheitlichen Überlegungen nur als Rechtfertigung für Genuss und Bequemlichkeit. Vielleicht könnte man die Möglichkeit zum Kauf von biologischem Fleisch, von Tieren, die sozusagen artgerecht gehalten werden wahrnehmen. Vielleicht ist es auch gar nicht bekannt, dass die meisten "Nutztiere" auf engstem Raum eingesperrt sind und niemals raus dürfen. Es wäre doch schön, wenn die "Nutztiere" (weshalb nutzen wir Tiere?) in der nur kurzen Zeit ihres Lebens wenigstens den freien Himmel sehen könnten. Beim Eier-Kauf könnte man versuchen, diese von "glücklichen" Hühnern zu nehmen und keine Budget-Eier kaufen, nur weil sie ein paar Rappen billiger oder so schön bunt sind. Den Eierkonsum zu reduzieren wäre auch eine Möglichkeit oder gar keine Eier essen oder vielleicht mal einige Zeit ganz vegan. Dazu müsste man einige Gewohnheiten über Bord werfen. Doch wenn wir "hinter die Yogastellungen schauen", will uns Yoga ja genau dies zeigen. Über den Tellerrand schauen, aus der eigenen Komfortzone herauskommen und versuchen, Zusammenhänge unseres eigenen Handelns und der Auswirkung in der Welt zu erkennen. "Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben (Leo Tolstoi)". Ja, und natürlich auch Verantwortung übernehmen. 

Es bedrückt mich sehr, es schmerzt meinem Herzen, manchmal werde ich auch richtig ärgerlich, wenn ich sehe, wie achtlos der Mensch mit den Tieren umgeht. Ja ich weiss, dies ist dann wahrscheinlich auch nicht Ahimsa, denn es heisst ja, in Gedanken, Wort und Tat. Und es ist sicherlich auch nicht Ahimsa, anderen vorzuschreiben, was genau sie essen sollen und dass die Vertreter der vegetarischen Lebensweise und der nicht vegetarischen Ernährung im Dauerstreit liegen ist ja bekannt. Trotzdem nochmals eine Überlegung zur vegetarischen Ernährung. Diese ist in Indien häufig alltäglich, doch gibt es auch hier viele Menschen, mit Tendenz steigend, die Fleisch konsumieren. Hier an diesem besonderen Platz in Indien, wo wir uns gerade befinden, besteht der Gedanke, wenn es schlicht ums Überleben geht, du essen kannst was du willst. Doch sobald das Leben gesichert ist und wir eine Wahl haben, ist es wichtig, sich bewusst zu ernähren und sich nicht von den Zwängen des Gaumens leiten zu lassen.

Wahrscheinlich meint Ahimsa auch die verbale Gewalt. Denn auch Worte können verletzen. Ob hierzu auch die kleinen Lästereien gehören, wenn man nebenbei eine abfällige Bemerkung macht oder schnell über jemanden urteilt? Es geht bei Ahimsa also nicht nur um den wohlüberlegten Umgang mit allen Lebewesen, sondern beeinflusst auch den subtileren Bereich wie eben die Worte und auch die Gedanken. 

Ganz klar brauchen wir auch einmal "feedbackfreie" Zeit, doch Yoga bedeutet Transformation auf verschiedenen Ebenen. Somit sind wir herausgefordert, uns selbst und die eigenen Lebensweise anzuschauen und möglicherweise eine Korrektur oder neue Richtung einzuschlagen. Neben dem Praktizieren der wunderbaren Asanas streben wir eine Persönlichkeitsentwicklung an und laden damit positive Veränderungen im eigenen Leben ein. Irgendwo habe ich gehört, die Praxis von Ahimsa entwickelt das Herz in wundervoller Weise - welch schöner Gedanke!

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