Yoga, Schildkröten & Wandel
Eine Reise zurück
Wie immer dem Winter entfliehen. Bei meinem „Yoga Self Retreat“ bekomme ich jeweils eine ganz andere Zeiterfahrung, der Versuch weg von der Uhrzeit und hin zum inneren Gleichgewicht. Die Tänzerin am Ozean - Transformation im Wandel der Zeit.
Vieles hat sich hier verändert, wie überall auf der Welt. Doch trotz aller Wandlungen bleibt die Essenz dieses Ortes für mich lebendig. Ich entscheide mich, auf die gute Seite der Medaille zu blicken. Vor über zwanzig Jahren war ich das erste Mal hier – eine Zeit, die mir heute fast surreal erscheint. Damals gab es nur vier einfache Unterkünfte am langen Strand. Ich lebte in einer Hütte auf Stelzen, improvisiert aus Schwemmholz, Palmblättern und bunten Tüchern. Ziemlich nachhaltig würde man heute sagen.

Die Stelzen haben ihren Zweck: Schutz vor den „wilden Tieren“, vor Ungeziefer und vor plötzlichen Überschwemmungen. Es gab keine Vorschriften, keine Behörde, die kontrollierte, wo gebaut wurde, und auch niemanden, der dich zurückpfiff, wenn du zu weit hinausgeschwommen und von der Strömung erfasst worden warst. Ich erinnere mich genau an den Ausblick von meinem Hochsitz aus: ein endloser, unberührter Strand, keine Menschenseele weit und breit. Wenn doch einmal jemand auftauchte, sprang ich freudig hinunter, um Hallo zu sagen. Wer sich wohl hierher verirrte?
Der erste Yoga Retreat - Genügsamkeit im Paradies
Mein erster Yoga-Retreat am beach war eine Herzensangelegenheit. Sieben Wochen am Stück, auf Spendenbasis – ein Dankeschön an Indien, das mir selbst so viel gegeben hatte. Jeder wo am Retreat teilnehmen wollte, konnte einfach kommen und gehen und am Ende das geben, was er oder sie wollte. Die Spendengelder gab ich weiter an Einheimische, für ihren Lebensunterhalt. Sieben Wochen Yogaunterricht ohne Pause – eine Grenzerfahrung für mich zwischen Freude, Rekord und Burnout.

Die meisten Teilnehmenden kamen aus der Schweiz. Einige blieben die gesamte Zeit, und wir „verwilderten“ fast ein bisschen. Einfache Unterkünfte, einfaches Essen und einfach Yoga. Kein Internet, keine Ablenkung – nur das Meer, die Praxis und ein Gefühl von tiefer Freiheit. Es war herrlich, Genügsamkeit pur.
Mit der Zeit bekam das Ganze mehr Struktur. Ich begann, gezielt Retreats zu organisieren, Yogis und Yoginis aus der Schweiz, Deutschland und Österreich kamen. Doch neben Yoga bewegte mich noch etwas anderes: die Meeresschildkröten. Dieser Strand war ihr Laichgebiet – ein magischer Ort, an dem sie in stiller Dunkelheit ihre Eier vergruben. Doch die zunehmende Beleuchtung und die lauten Nächte störten sie.
Ich bat meinen indischen Freund Lucky, mich zu wecken, wenn eine Schildkröte zum Eierlegen kam oder wenn – etwa 55 Tage später – die Jungtiere schlüpften. Lucky war einer der ersten, der sich dem Projekt annahm. Und tatsächlich, mehrmals klopfte es an meiner Hütte. Ich erlebte die unglaubliche Anstrengung einer Mutterschildkröte, die sich mit ihren Flossen mühsam durch den Sand kämpfte, um ihre Eier sicher zu vergraben. Und ich half mit, die winzigen Babys auf ihrem gefährlichen Weg ins Meer zu begleiten. So klein, so zerbrechlich – und vor ihnen der unendliche Ozean. Nur ein Bruchteil würde überleben …

Ich konnte nicht tatenlos zusehen. Also begann ich, Flyer zu drucken und sie im Dorf und bei meinen Retreat-Teilnehmern zu verteilen. Das kam nicht überall gut an. Der Tourismus steckte in den Kinderschuhen und viele Einheimische hatten andere Prioritäten: Sie wollten Gäste anlocken, Restaurants füllen – nicht Kerzenlicht entzünden und die Musik leiser drehen. Ich erfuhr, dass das Forest Department begann, den Schutz der Schildkröten offiziell zu begleiten. Gleichzeitig wurde mir geraten, vorsichtig zu sein. Zu viel Aktivismus könnte nach hinten losgehen.

Doch die Zeit brachte Wandel. Nach und nach wuchs das Bewusstsein für den Wert der Schildkröten – nicht nur für die Natur, sondern auch für den Tourismus. Heute sind einige meiner früheren Kritiker meine Freunde geworden. Die Schildkrötennester werden mittlerweile jede Nacht gesichert, Eier vorsichtig ausgegraben und an geschützten Stellen erneut eingegraben. Temperaturmessungen, Buchführung, Wachen gegen Nesträuber – was einst ein Ein-Mann-Projekt war, ist heute eine kleine Bewegung.

Vielleicht ist das wahre Yoga genau das: nicht nur auf der Matte, sondern auch im Leben eine Haltung der Achtsamkeit und des Schutzes zu kultivieren.
Und Lucky? Er ist noch immer hier. Gestern zeigte er mir stolz über fünfzig geschützte Nester – ein Rekord. Ich spürte eine tiefe Freude. Nicht nur, weil ich die Pionierzeit des Yoga und der veganen Lebensweise miterleben durfte, sondern weil ich auch hier, an diesem Strand, eine kleine Spur hinterlassen konnte.
Kurmasana – Die Kraft der Geduld und Ausdauer
Die Schildkröte in der Yogaposition Kurmasana – nach innen gekehrt, aber mit unendlicher Ausdauer. Kurmasana, die Schildkrötenhaltung, ist eine tiefe Vorwärtsbeuge, die Ruhe, Rückzug und innere Stärke symbolisiert. Wie die Schildkröte, die sich in ihren Panzer zurückzieht, fordert uns diese Asana auf, nach innen zu schauen, die äussere Welt einen Moment loszulassen und Geduld zu üben. Sie dehnt intensiv den unteren Rücken, die Hüften und die Schultern und erfordert nicht nur Flexibilität, sondern vor allem Hingabe und Ausdauer.

Physisch stärkt Yoga, besonders auch Kurmasana, das Durchhaltevermögen und fördert eine bewusste, gleichmässige Atmung, selbst in herausfordernden Momenten. Mental lehrt uns Yoga, mit Geduld und Beharrlichkeit in der Stille zu verweilen, anstatt uns vom Trubel des Alltags mitreissen zu lassen. Genau wie eine Schildkröte mit Bedacht und Beständigkeit ihren Weg geht, erinnert uns diese Haltung daran, dass wahre Stärke oft in der Ruhe, der Beharrlichkeit und in Geduld liegt.
Bildnachweis: Eigenes Archiv, Foto Meeresschildkröte von Kanenori
